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Dumme Börsen und das Kopf-Problem
Darüber hinaus wechseln immer wieder Anleger das Meinungs-Lager und damit ihre Positionierung am Markt. Und das sorgt für ein Auf und Ab, das erst dann in einen starken neuen Trend übergehen wird, wenn sich ein Lager entsprechend deutlich füllt und nicht nur nach Köpfen, sondern auch nach Kapitalkraft ein starkes Übergewicht bekommt. Was wiederum bedeutet, dass auch der nächste große Trendimpuls nicht zwingend den Rahmenbedingungen und damit einer objektiven Logik folgen muss.
Beispiel Juli 2009: Die Börsen waren gerade dabei, erneut nach unten abzudrehen, weil die Mehrheit der Anleger nicht an den propagierten Aufschwung glauben konnte. Doch in dem Moment schlugen einige Großbanken zu, die das ihnen quasi gratis zur Verfügung gestellte Geld der Notenbanken dafür missbrauchten, die Börsen nach oben zu prügeln, statt die Wirtschaft mit ausreichend Kredit zu versorgen. Nach Köpfen war das Lager der Bären größer ... aber die Bullen hatten das meiste Kapital. Noch krasser wird dieses Bild dadurch, dass sich die Konjunkturwende seitdem nicht manifestierte und nun ein hohes Risiko besteht, bereits in den ersten Monaten der neuen alten Rezession zu stecken, während die Mehrheit der Anleger bullish ist.
Es sind eben nicht nur die Fakten, sondern auch die Kurse und die Art, wie die Lage in der Öffentlichkeit dargestellt wird, was die Emotionen beeinflusst. Und diese Emotionen eines jeden Einzelnen ebenso wie das, was er gerade im Depot hat, tragen meist mehr zur Meinungsfindung des Individuums bei als die Entwicklung der Rahmenbedingungen. Was dabei herauskommt, ist nun einmal ein dauerndes Hin und Her, das nur in ca. 30% der Zeit klaren Trends weicht.
Die Börsen erscheinen daher meist als „verrückt“, Bewegungen wirken hirnrissig. Aber das ist nicht erst seit Vorgestern so. Es ist unstrittig, dass die Zunahme an Derivaten und die immer bessere Technik dazu beitragen, dass die Bewegungen stärker und schneller werden. Aber dass die Börse nicht das tut, was sie „soll“, ist seit jeher der Fall. Doch es fällt halt oft erst dann auf, wenn man sich von einem schlichten Ärgern über „diesen Mist“ in das Lager derer begibt, die hinter den Vorhang zu schauen bereit sind.
Man ist außerhalb der starken Trends weder als kurz- noch als langfristiger Anleger gegen Verluste gefeit. Egal, ob man Chart-, Markttechnik- oder Sentiment-Analyse oder alles auf einmal betreibt. Hellsehen wäre hilfreich, klappt aber nicht. Man kann nur Disziplin wahren, vorsichtig agieren und den Kopf nicht ausschalten, ihm aber nicht alleine die Entscheidungen überlassen ... denn wie beschrieben, ist die Börse dadurch, dass sie ist, wie sie ist, nicht rational, sondern letztlich „dumm“. Das Handelssystem trägt durch die Streuung der Positionen, die Regeln des Kapitaleinsatzes, die rigide Struktur der Stoppmarken und die Verweigerung vorzeitiger Gewinnmitnahmen außerhalb der Signalzonen diesen Dingen Rechnung. Das führt natürlich in solchen Wendephasen öfter mal zu mehrfachen Positionswechseln in einer Aktie oder einem Index. Aber nur so lassen sich Verluste begrenzen und sicherstellen, dass man dann auch dabei ist und bleibt, wenn eine neue Trendphase beginnt.
Manch einer kommt damit nicht klar, weil er sich nicht vom strikten „Traden nach eigener Meinung“ lösen kann oder will und diese strikte System-Disziplin irgendwie „uncool“ ist. Aber nach nun 21 Jahren Börse und eigener Unfähigkeit, die Emotionen ebenso wie die Ratio ausreichend im Zaum zu halten, habe ich festgestellt: Viel Feind, viel Ehr’ klingt zwar gut. Aber an der Börse macht das nun mal arm. Und das ist noch „uncooler“.
Mit den besten Grüßen
Ihr
Ronald Gehrt
Homepage von Ronald Gehrt www.system22.de
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5 Kommentare
der letzte Absatz, der passt wie die "Faust aufs Auge". Nicht nur was die Börse betrifft. Sondern auch Allgemein das Lebbe. Aber eines sage ich ihnen auch: Wenn jeder das gleiche "Programm" hätte, wäre das Leben nicht lebenswert. Es gäbe nur "Gewinner". Tja, and then? Eines sage ich, ich bin lieber mit "abgedrehten" Menschen zusammen, wie mit Gewinnmaximierungsrobotern. Das ist nämlich auch "uncool". So ähnlich wie das Wort "Unkosten".
Diese "Börse" der heutigen Tage ist alles, aber kein riesiger Marktplatz, es ist eine gewaltige Zockerbude, die von den Interessen außergewöhnlich stark marktbeeinflussender Finanzkonzerne zur Zeit tendenziell AUFWÄRTS gerichtet wird. Dieses Aufwärts hat für Otto Normalo negative Konsequenzen, im Trend steigende Preise bei sinkenden Einkommen. Sollten Preise nicht steigen und Einkommen nach Zinsen, Steuern und Abschreibungen real nicht sinken, werden die Zockerpapiere wie Herbstlaub fallen.
Wenn man mitspielen und gewinnen will, kann man nur bei crash kaufen und muß vor dem nächsten crash alles zu cash gemacht haben. Man sollte eines nicht: den Kursen hinterherrennen. Wenn sie weg sind, sind sie eben weg.
Die wesentliche Frage ist nämlich, muß ich überhaupt irgendwo "investieren" ? Die klare Antwort lautet, Geld wurde nicht für Zocker erfunden. Nein, ich muß nirgendwo "investieren" und so wenig wie nur möglich "versichern". Natürlich sind den "Finanzingenieuren" "Investoren" immer willkommen. Egal, ob aus Gier, Angst oder Neid. Irgendwer muß den Rummel ja bezahlen, egal, ob Fondssparer oder Riester-Rentner. Je mehr, desto besser. Und wenn die so schön blöd sind, nicht einmal zu kapieren, wie sie ausgenommen werden, noch besser. Je weniger, desto schlimmer werden die ausgenommen.
Altes Börsensprichwort: Jeden Tag kommen hier Dumme vorbei, man muß sie nur fangen. Nachdem die Dummen nicht mehr kamen, wurde die "Riester-Rente" erfunden und ich verwette sonstwas, das liebste Kind in den Hinterstübchen der Abkassierer hieße Zwangsriester. Nur die Verfassung bewahrt uns noch ab und an vor dieser Verbrecherbande.
Ich bemühe den Satz von Frau Kanzlerin zur schwäbischen Hausfrau als Hinweis. Obwohl Frau Kanzlerin aus meiner Sicht an einer Stelle nicht geizig genug ist. Es gibt Dinge für die würde ich mit oder ohne politische Zwänge auf keinen Fall nur einen cent ausgeben. Das ist alles, was mit Krieg und Gewaltanwendung gegen Wehrlose sowie Vorbereitungen dafür zu tun hat. Da muß ich irgendwie die Verfassung im Sinn so verstanden haben, wie die, die sie erarbeiteten, meinten.
Die Idee mit Kapital in Unternehmen zu investieren um mit realwirtschaftlichen Produktionsprozessen oder Innovationen zu einem besseren gesamtwirtschaftlichen Aufstieg zu dienen, ist eindeutig im Niedergang verloren gegangen.
Der Moral-Hazzard der Obrigkeiten, der Unternehmer, der Investoren und im Gefolge der Bevölkerung wird wohl nicht mehr aufzuhalten sein.
Die Börse ist da nur ein Spiegel der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung.
Sie halten die Börsen für dumm und unvorhersehbar (meine Meinunung), aber wollen mit ihrem Handelssystem die Kurse vorhersehen. Macht das Sinn?
Und woher wissen Sie, dass die Daytrader sich wünschen in Ruhe langfristige Positionen eingegangen zu sein?
Hat ihnen das die Person erzählt, die auch behauptet hat die "großen Adressen" sind vor wenigen Wochen alle ausgestiegen und jetzt gehts abwärts?
Geben Sie doch zu, es ist alles Spekulation.
wieder ein sehr schöner Kommentar der es auf den Punkt bringt !
@alle
Die wichtigste Aussage ist m.E. dieser Punkt:
"Aber nur so lassen sich Verluste begrenzen und sicherstellen, dass man dann auch dabei ist und bleibt, wenn eine neue Trendphase beginnt."
Wann diese beginnt wissen nur die Marketmaker (und auch die nur zum Teil).
Wir anderen spekulieren (und finden natürlich immer 100 Gründe für unsere Positionen) ...wobei spekulieren nichts schlechtes ist, denn der Spekulant ist das notwendige Regulativ im Wirtschaftskreislauf ... er deckt Übertreibungen auf in dem er sie versucht auszunutzen.
Gruss Vicky