| « Der Mythos der Linie | Koste es, was es wolle: Der tödliche Schutzschirm » |
Rechnen wir mal nach Oder: Wie man den Dax bewegt
von Ronald Gehrt
Es ist Donnerstagmittag, Feiertag im Mai. Wie schön. Aber es regnet in Strömen. Der 13. ist es auch noch. Ein Tag, um im Bett zu bleiben. Es sei denn, man ist im Dax engagiert. Dann ist es fiebrige Erwartung, wann unser Guter endlich die bisherigen Rallyehochs erreicht, wenn man Long ist. Oder blankes Entsetzen, wenn man den Rahmenbedingungen gemäß eine Shortposition hält...
Follow up:
Ich hatte in meinem gestrigen, täglichen S22 Observer bereits erklärt, wie man es machen muss, den Dax nach Belieben durch die Gegend zu schieben. Für diejenigen, die nur diese kostenlosen Marktkommentare lesen, ganz kurz: Man braucht genug Geld. Mehr nicht. Das Prozedere hingegen ist idiotensicher. Die Kurse über entsprechende Chartmarken prügeln und danach fröhlich zusehen, wie die Daytrader die Kurse dann im Alleingang nach oben hebeln. Und dadurch kassieren. Natürlich.
Denn anders war gestern, an einem Tag ohne neue Nachrichten, aber mit einem erneut fallenden Euro und weit, weit weniger steigenden anderen Aktienindizes, nicht zu erklären, warum ausgerechnet der Dax so extrem durch die Decke ging. Per heute, Donnerstag 14:00 Uhr notiert der Dax noch (von oben gerechnet) 1,2% unterhalb der bisherigen Rallyehochs von 6.340. Dem S&P 500 hingegen, über den Future gerechnet, fehlen noch 3,8%. Da lag der Gedanke nahe zu überlegen, wer da „gezogen“ hat und warum. Und das Kursverhalten gestern deutete eindeutig darauf hin, dass mal wieder jemand das Futures-Spiel spielt.
Ich hatte diese Vorgehensweise erstmals Ende 2007 beschrieben, als der Dax vor allem nachbörslich andauernd auch bei fallenden US-Börsen wie von Geisterhand immer höher lief. Und erntete dafür meist Spott. Das sei Unfug und unmöglich, so die überwiegende Meinung. Ich sähe Gespenster. Wenn die Kurse in einer unerwartete Richtung gehen, sei die Bewegung schließlich immer umso heftiger. Schon. Aber wer „schubst“ die Kurse an, damit sie in die unerwartete Richtung laufen?
Eines von diesen Gespenstern entpuppte sich als Laurent Kerviel. Im Januar 2008 bereits wurde bekannt, dass die Société Générale genau dieses Spielchen spielte. Dass Kerviel ohne Wissen bzw. Zustimmung der Bank handelte ... nun, lassen wir das mal beiseite. Bald darauf spielte man das Spielchen am Rohölmarkt. Rauf ... und wieder runter. Dieses Spiel wird oft gespielt. Aber es fällt nicht allzu oft auf.
Der Gedanke, dass so etwas Milliarden kosten müsse, die doch niemand dafür aufbringen würde, ist nicht richtig. Das alles passiert über den Dax Future. Und wenn man sich nicht allzu dämlich anstellt, reichten gestern 20% des Tagesumsatzes von ca. 250.000 Kontrakten, um den Dax zu dominieren. Rechnen wir mal nach: Das sind 50.000 Kontrakte. Bei einer Prime-Margin für gute Kunden von geschätzten 8.000 Euro ist das ein Kapitalaufwand von müden 400 Millionen Euro. Haben Sie und ich gerade nicht zur Hand. Eine große Bank indes schon. Vor allem, wenn es sich um eine große Bank handelt, die viel Eigenhandel betreibt.
Die Masse der Kontrakte musste am Mittwoch unten, im Bereich 6.010 bis 6.050 Dax-Punkte eingesetzt werden. Danach musste man den Tradern nur „behilflich“ sein, wenn es darum ging, wichtige Marken wie die 6.090 (Januar-Hochs) oder den 20 Tage-GD um 6.120 zu durchbrechen. Rechnen wir mal am Ende einen Durchschnittsgewinn von 150 Pünktchen bei 50.000 Kontrakten ... nun, das macht einen Kleingewinn von 187 Millionen Euro an einem Tag ... falls alle Kontrakte wieder verkauft wurden. Knapp 0,2 Milliarden, nur im Dax. Kann man doch mal mitnehmen.
Aber der heutige Dax-Verlauf an diesem Feiertag stützt meine Vermutung von gestern Abend, dass das Spielchen noch nicht beendet ist. Jedenfalls per 14:00 Uhr. Man kann nicht erkennen, ob „derjenige welcher“ aussteigt, weil dazu zwar Shortpositionen eingegangen werden müssen, um die Longpositionen wieder zu neutralisieren. Aber man kann nicht erkennen, ob das in die Käufe der anderen Trader hinein passierte, dann würde es ja den Future nicht drücken. Irgendwer muss ja immer Short gehen, wenn ein anderer Long geht. Aber wer, sehen wir nun mal nicht.

Der heutige Verlauf bis heute am frühen Nachmittag zeigt, dass da weiterhin ein Auge auf brav steigende Kurse geworfen wurde. Denn während der S&P 500-Future per 14:00 gerade mal 0,2% im Plus liegt, steigt der Dax schon wieder um 1,3%. Zum Vergleich kurz nach 14:00 Uhr: Paris +0,2%, London +0,5%. Und an neuralgischen Punkten sitzt im Dax Future ein dicker Block als Kaufgebot. Groß genug, um bei den heutigen Umsätzen nicht nach unten durchbrechen zu können ... und immer wieder schön aufgefüllt.
Dieses Spielchen ist zwar im Prinzip eine Manipulation, aber nicht verboten. Daher darf man diesen Begriff nicht verwenden und sollte besser „Domination“ des Kursgeschehens schreiben. Und das Spiel funktioniert immer. Wer genug Kapital anschafft und es gezielt einsetzt, kann in kleineren Märkten nur gewinnen. Das klappt nicht bei Währungen und nicht an den US-Aktienmärkten, weil die einfach zu groß sind. Aber es klappt im Dax, im Rohöl, in den Metallen. Und je bekannter die Anzeichen werden, desto mehr Akteure „hängen sich einfach dran“ und laufen mit. Denn sie traden auf der sicheren Seite. So lange, bis diejenige Großbank, die das Spiel dominiert, die Richtung wechselt. Dann allerdings sollte man nicht vergessen, sich in Sicherheit zu bringen.
Nun kann niemand sicher sagen, wer genau hier mit dem Dax sein Spielchen treibt. Der Gedanke, dass es sich um die Großbank handelt, die nach ihrem Chef „Gottes Werk“ verrichtet und in Zusammenhang mit Griechenland und diversen Subprime-Aktivitäten immer mal wieder ins Rampenlicht rückt, kommt einem jedoch unwillkürlich. Zumal es bemerkenswert ist zu beobachten, wie eben diese Bank, die sonst nur eine von vielen im Zertifikate-Markt auf den Dax war, ende letzter Woche massiv neue Knockout-Short-Zertifikate neu emittierte. Die jetzt in den vergangenen zwei Tagen in rauen Mengen k.o. gingen. Dem Baissier bleibt nur zu vermelden: Das Kapital fällt dem Emittenten zu. Ein nicht ganz unwesentlicher Nebenverdienst zu den 187 Millionen, wenn es zufällig die selbe Bank gewesen sein sollte.
In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen die Lektüre eines kurzen Artikels von Jochen Stanzl auf www.godmode-trader.de empfehlen, auf den mich gestern Abend dankenswerterweise ein Leser hinwies: (LINK)
Goldman Sachs! Die US-Großbank verdiente laut einer Pflichtmeldung bei der US-Börsenaufsicht SEC an allen 63 Handelstagen des ersten Quartals 2010 Geld. An 35 Tagen überstiegen die Gewinne sogar die Marke von $100 Mio.
Sie fragen sich wahrscheinlich, ob es dann einen Tag gegeben haben könnte, wo Goldman Sachs mit einer schwarzen Null aus dem Handel ging. Weit gefehlt: Keiner der Handelstage lag unter einem Tagesgewinn von $25 Mio. !
Die Trader von Goldman Sachs verdienten im ersten Quartal mit dem Eigenhandel $9,74 Mrd. – das entspricht 76% der Gesamterlöse der Bank.
Wie gesagt: Solche Machenschaften sind nicht gerade schön. Und sie mehren das Geld derer, die das Futures-Spiel spielen und ruinieren diejenigen, die sich der möglichen Gefahr nicht bewusst sind. Dennoch kann man natürlich damit umgehen und solche Bewegungen, sobald man sie erkennt, entsprechend nutzen. Wenn man kurzfristig tradet, wohlgemerkt. Wenn es einem an der Börse wirklich primär darum geht, sein Kapital zu schützen und, wo möglich, zu vermehren, muss man es sogar. Auch, wenn ein Index wie der Dax gestern und heute Bewegungen vollzieht, die entgegen dem stehen, was die Mehrheit der Menschen vor Augen hat und mit Händen greifen kann. Dazu abschließend ein Streiflicht aus einer aktuellen Umfrage des Wall Street Journal, dessen Leser ja nun wahrhaftig nicht als „Außenstehende“ anzusehen sind:
76% der Befragten sind der Ansicht, dass die USA nach wie vor in einer Rezession stecken.
81% sind mit der wirtschaftlichen Entwicklung in den USA unzufrieden.
58% glauben nicht, dass es an den Börsen fair und transparent zugeht.
Das sollte zu denken geben. Wenngleich man mich immer als permanenten Widersprecher ansieht: Hier teile ich die Meinung der Mehrheit. Wer also zur Stunde mit der ungenannten Großbank mit auf der Welle des Futures-Spiels reitet sollte sich darüber klar werden, dass solche Wellen schnell mal brechen. Und bisweilen, wenn die „Spielleiter“ für die andere unsichtbar bereits draußen sind, binnen Minuten!
Mit den besten Grüßen
Ihr
Ronald Gehrt
(www.system22.de)
******
Homepage von Ronald Gehrt www.system22.de
seite>weitere Berichte
F r a n k M e y e r
A u f g e l e s e n
V i d e o b l o g
n - t v